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Foto vom Dreh mit HB Films Freiburg

Freedom Photos Freiburg

Den Fotografen Andre Hagemann – alias Freedom Photos Freiburg – kenne ich schon sehr lange. Als Fan seiner Arbeit habe ich Ende 2019 einen Artikel über ihn verfasst. Heute arbeiten wir sehr oft in den  unterschiedlichen Projekten zusammen. Fotografie und Film gehen dabei Hand in Hand. 

 

Artist: Freedom Photos Freiburg

Momente in Schwarzweiß

“Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“; ist ein Zitat von Thukydides, einem aus gut situierten Verhältnissen stammenden Athener, der als Stratege im Archidamischen Krieg, vor allem jedoch für seine Darstellung des Peloponnesischen Krieges für Historiker von Bedeutung ist. Wobei die Begrifflichkeit des Schönen verschiedene Interpretationen erfährt, zum einen, dass jeder Mensch einen individuellen Geschmack besitzt, sowie, dass jeder Schönheit anders empfindet, verweist das Ende des Zitats auf eine allgemeingültige Tatsache. So und nicht anders sieht der Betrachter mit seinen Augen.

Damit also das Schöne auch entdeckt werden kann, muss es einen Betrachter geben, der dieses mit seinen Augen sieht. Leider scheint es heute so, dass der moderne Mensch nicht mehr allzu viel, oder anders gesagt, nicht mehr allzu oft betrachtet; und zwar die verborgene Schönheit alltäglicher und gewöhnlicher Orte.

WhatsApp , Instagram und Co. lassen das Leben heute bedeutend schneller erscheinen als noch vor ca. 2.500 Jahren. Seit dieser Zeit hat sich die Welt verändert, und zwar in jeglicher Hinsicht. Alles ist zum Greifen nahe. Musik, Internet und Terminkalender sind miteinander vernetzt, sowie auch der Mensch mit allem vernetzt ist. Unsere Smartphones sind oft leistungsfähiger als die Computer in unserem Zuhause. Und sie bedürfen unsere ganze Aufmerksamkeit, damit uns kein Download und Upload abhanden kommt. Wir teilen Fotos von Freunden und streamen, was die Daten hergeben. Kommunikation findet statt, vielleicht mehr als je zuvor. Jedoch nicht mehr ausschließlich von Mensch zu Mensch und nur noch selten von Angesicht zu Angesicht.

Es scheint fast so, als wären unsere Augen nur noch nach unten gerichtet, mit einem starren Blick auf all diese smarten Möglichkeiten, um eben nichts verpassen zu müssen. Die Welt um uns herum behandeln wir dabei oftmals ähnlich, wie ein veraltetes Gerät, dessen Daseinsberechtigung lediglich noch an die Ignoranz seines Besitzers gekoppelt ist. Orte, die uns umgeben, finden sodann wenig bis keine Beachtung mehr und die Magie ihrer Schönheit schwindet dahin. André Hagemann, Freiburger Bürger und Fotograf aus Leidenschaft, hat sich diesen Umstand zu Herzen genommen.

Es gäbe viele schöne Orte, allein in unserer Stadt, die verlassen oder gar geheimnisvoll wirkten. Tagtäglich würden die Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit oder beim Einkaufen an ihnen vorbeigehen, ohne diese wahrzunehmen. Dabei sei es nicht schwierig, die vermeintlich verborgene Schönheit und das Geheimnisvolle im alltäglichen erfahren zu können. Man müsse lediglich den Kopf und die Gedanken für einen Moment vom smarten Leben befreien und seine Umwelt betrachten; einer Spontan – aufnahme vergleichbar. Als Softwareentwickler in einer IT-Agentur ist André keineswegs ein Verächter der modernen Techniken; ganz im Gegenteil.

In dieser Branche sei es notwendig immer auf dem neuesten Stand zu sein, und zwar in jeglicher Hinsicht. Ebenso sei grundlegend Flexibilität als eine berufliche Mindestanforderung zu verstehen. Dennoch würde er sich sehr bewusst gelegentliche Auszeiten nehmen, um den Geist frisch halten zu können. Sowohl für seine Arbeit als auch für sein Privatleben. Dies sei äußerst wichtig für die eigene Work-Life-Balance. Das Entdecken und Fotografieren seiner Umwelt gehöre ebenso zu diesen Auszeiten, wie auch deren Schönheit auf sich wirken zu lassen. Mit seinen Fotos wolle er den Menschen gerne etwas schenken, nämlich in einem übertragenen Sinn die Möglichkeit durch die „Augen des Betrachters“ blicken zu können, und zwar auf ganz gewöhnliche Orte und Dinge. Dabei würde es keine Rolle spielen, was genau im Fokus dieser Betrachtung läge. Dies könne sowohl ein alter mit Moos bedeckter Grabstein, ein Graffiti, ein altes Gebäude oder einfach nur eine Straße sein. Eine Momentaufnahme dessen, was gerade da ist.

Damit wird der Punkt definiert, um den es hierbei geht. Die Welt sehen und auf sich wirken lassen. Sie wahrnehmen und erfahren, mit all ihren schönen und unschönen Aspekten. In Einkaufspassagen, auf Friedhöfen, in Parks, einfach überall dort, wo man sich gerade aufhält. Wenn sich das in einem ersten Augenblick auch seltsam anhören mag, so sagt André selbst, seien Friedhöfe diejenigen Orte in der Welt, die für ihn die größte Magie und Anziehungskraft verbreiten würden. Zum einen sei es bemerkenswert, welche Aspekte von Schönheit der Tod mit sich brächte.

Dabei gehe es jedoch nicht um das Sterben, Leid oder etwa den Verlust geliebter Menschen, sondern vielmehr um deren Grabstätten, und zwar um die beson – ders alten. Während Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte vergehen, erhalten diese oftmals eine ganz spezielle Patina. Der Stein beginnt zu bröckeln, Moos breitet sich darauf wie eine schützende Schicht aus und hin und wie – der brechen Fragmente der Strukturen heraus. Was übrig bleibt, nach all der Zeit, sind Grabstätten, die die Anmut von Kunstwerken offenbaren. Zum anderen sei natürlich auch die Historie der Men – schen dahinter von Bedeutung. Schließlich wären diese Orte der Ruhe und des Friedens auch zum Gedenken an die Verstorbenen gemacht worden.

Oftmals jedoch sein die Inschriften nach all diesen Jahren von der Natur leider so entstellt, dass es schwer wäre, einen Namen zu identifizieren. Jemandem solche Stätten zuzuordnen, sei daher fast unmöglich. Manchmal schaffe er es jedoch, die Geschichten, die dahinterstehen, zu recherchieren. Das Leben vor dem Tode dieser Menschen. Von einem Offizier zum Beispiel, der in einer Schlacht um Freiburg, im deutsch-französischen Krieg, im Jahre 1792, sein Leben verlor. Es gäbe viele solcher Geschichten zu erfahren und schließlich sei dies in Zeiten von Google und Co. auch relativ einfach. Dabei stellt sich jedoch auch die Frage, wie viele Menschen, in all den vergangenen Jahren, jene Grabstätten und Denkmale, die seit dieser Zeit und sogar noch weit davor errichtet wurden, gesehen haben müssen. Und heute?

In gewisser Hinsicht, sei das moderne Leben viel zu einfach geworden, meint André. Die meisten Menschen würden zu vieles als gegeben hinnehmen und dabei vergessen, dass manches davon nicht als selbstverständlich gelten könne. Allein die Existenz unseres Planeten würde sich schließlich nicht einfach so als gegeben verstehen lassen. Bereits die physikalischen Aspekte seiner Entstehung sein bemerkenswert, geschweige denn, jene des Menschen. Aber soweit soll die Intention seiner Fotografie gar nicht verstanden werden. Vielmehr würde es ihm auf die kleinen Dinge ankommen.

Das Alltägliche, wie beispielsweise unsere Freiheit. Die sei nämlich ebenfalls nicht allzu selbstverständlich hinzunehmen. So die Chance, jeden Tag unser Leben neu gestalten zu können, zumindest in gewisser Hinsicht. Aus diesem Grund habe er sich auch bewusst für den Instagram-Namen 7r33dom_ is_not_7or_7r33 (Freiheit ist nicht umsonst) entschieden. Innerhalb dieser Plattform könnte jeder seine Fotos betrachten und sich eigene Gedanken darüber machen. Das, was nicht mehr gesehen wird, sichtbar zu machen, sei seine eigentliche Intention, um somit die Menschen dazu anzuregen, die Welt mit anderen Augen sehen zu können. Natürlich sein seine Arbeiten nicht als professionell zu verstehen, zumal er keinerlei fotografische Ausbildung habe.

Hierbei würde ihm jedoch die heutige Technik weiterhelfen. Mit einem guten Smartphone sei es auch durchaus möglich gute Fotografien zu erstellen. Zum einen, sagt er selbst, hätte er grundlegend einen geschärften Blick für die Objekte und zum anderen würden ihn die technischen Eigenschaften seines Gerätes dabei unterstützen nahezu perfekte Fotos aufzunehmen. Zwar sei hierbei wiederum ein gutes Technikverständnis eine Grundvoraussetzung, jedoch als Softwareentwickler und technikbegeisterter Mensch sei das für ihn keine Schwierigkeit. Darüber hinaus würde es primär nicht auf ein perfekt geschossenes Foto ankommen, sondern auf den Moment und das Objekt selbst. Allein diese Verbindung würde die Magie der Betrachtung schaffen.

Zudem fragt man sich vielleicht auch, warum die Aufnahmen überwiegend in Schwarz-Weiß gemacht wurden und nicht als farbige Originale zu betrachten sind. Die Antwort darauf sei relativ einfach, sagt André. Seine Aufnahmen sollen die Betrachter verzaubern. Sie darauf aufmerksam machen, dass es sich durchaus lohnen könne, mit offenen Augen und vor allem, mit einem offenen Geist durch die Welt zu gehen. Nichts ist nur einfach so, aber alles ist. Orte oder Objekte würden durch ihre Farbenvielfalt eine ganz spezielle Effektivität entfalten. Dabei wirkten die Farben selbst. Dies hätte zwar ebenfalls einen besonderen Aspekt der Schönheit inne, der Blick auf das Wesentliche wäre jedoch gerade dadurch getrübt. Und zunächst sein alle seine Aufnahmen auch farbige Originale. Erst in einem späteren Schritt würde er sie bearbeiten, diese zu Schwarz-Weiß-Bilder gestalten und dabei Kontrast und Helligkeit regulieren.

Ebenso interessant wäre bei manchen Objekten die sogenannte Colorkey-Gestaltung. Eine spezielle Form der visuellen Bearbeitung, bei der spezielle Bildelemente vom Hintergrund freigestellt werden, zum Beispiel durch die Nutzung einer einzigen Schlüsselfarbe. Damit könne man den jeweiligen Objekten eine äußerst bedeutende Wirkung verleihen, da somit entsprechende Abbildungen deutlicher aus dem Gesamtbild heraustreten würden. Man überlege sich nur, wie überflutet von Farben, Lichtern oder etwa Geräuschen unsere Welt sei. Erst indem dieses Übermaß auf das Wesentliche reduziert werde, könne das Besondere hervortreten und das Objekt der Betrachtung seine volle Wirkung entfalten. Dies ist genau der Effekt, den André mit seinen Fotografien erreichen möchte.

Das Besondere im alltäglichen hervorheben, dessen Schönheit offenbaren und ganz im Allgemeinen daran erinnern, dass Etwas überhaupt ist. Zum einen bezogen auf auf all die Orte und Objekte selbst und zum andern auf das Leben insgesamt. Der Betrachter könne sich zurücknehmen und auf das Wesentliche besinnen. Auf all die Dinge, die wir in unserem Leben als gegeben hinnehmen und auf all dasjenige, was wir nicht mehr sehen, da wir mit so vielen anderen Sachen beschäftigt sind.

Harry Bejol

(Erschienen u. a. in FREIeBÜRGER Ausgabe Mai 2020)

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