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Daniel Kemen im Gespräch

Daniel Kemen und das Sorgen Tagebuch

Im Juni 2020 war ich gerade mit meiner Recherche zum Thema Sorgen Tagebuch beschäftigt, als ich zufällig auch Daniel Kemen kennenlernte. Ein ganz toller Mensch mit einer wunderbaren Idee – Das Sorgen Tagebuch!

 

 

Fotografie: Freedom Photos Freiburg

Ein Tagebuch, das antwortet

Das Sorgen-Tagebuch ist, einfach formuliert, ein Online Tagebuch, in dem Nutzer über ihre Sorgen, Ängste und Probleme schreiben können. Das Tagebuch „hört“ sich die Probleme an und formuliert Antworten, die motivieren und neuen Mut machen sollen. Niemand muss mit seinen Sorgen allein sein. 

Hinter diesem Projekt stehen jedoch nicht nur eine unglaublich gute Idee und eine gewissenhafte Umsetzung, sondern vor allem Menschen, denen die Bedürfnisse anderer Menschen sehr am Herzen liegen. Mit einem dieser Menschen, Daniel Kemen, dem Hauptinitiator und Mitbegründer des Sorgen-Tagebuch e.V., habe ich mich getroffen und mich mit ihm unterhalten.

Ich war neugierig, wie jemand auf die Idee kommt, ein Online-Tagebuch zu entwerfen, das in der Lage ist, Antworten zu geben, sofern dies gewünscht wird. Denn das ist der eigentliche Clou an der Geschichte. Ich kann das Tagebuch in einer klassischen Form nutzen, indem ich lediglich meine Zeilen dort eintrage, und zwar nur für mich allein. Genauso kann ich aber auch darum bitten, dass sich das Tagebuch meinen Anliegen annimmt und Antworten formuliert, die mir evtl. neue Wege und Blickwinkel aufzeigen. 

Doch Vorsicht, wer jetzt denkt, dass er hier eine therapeutische Hilfe bekommt, der liegt falsch. Das Sorgen-Tagebuch ist keine Therapiestelle. Ebenso bietet es keinerlei medizinische oder juristische Beratung. Daniel Kemen hat dies in unserem Gespräch sehr deutlich formuliert. 

„Alle Menschen, die bei uns Hilfe suchen, müssen sich im Klaren darüber sein, was sie hier erwarten können und was nicht. Wir kennen die Grenzen zwischen therapeutischer Unterstützung und motivierender Hilfestellung sehr genau und an diese Grenzen halten wir uns strikt.“ Dies ist auch in einem ideologischen Sinn zu verstehen. 

Um dies gewährleisten zu können, wurde das Konzept „Sorgen-Tagebuch“ eng mit Fachleuten verschiedener Disziplinen abgestimmt. Denn die eigentliche Idee, auf der das Projekt gründet, ist, Menschen, die mit ihren Ängsten und Problemen alleine stehen oder die sich nicht trauen, diese jemandem zu erzählen, eine Möglichkeit zu bieten, sich Gehör zu verschaffen. 

Das wird deutlich, wenn Daniel Kemen erklärt, dass bereits das Wissen darüber, jemanden im Hintergrund zu haben, der einem Helfen könnte oder der einem zumindest zuhören würde, wenn man es benötige, einem unglaublich viel Kraft geben könne. 

Er selbst habe immer das Glück gehabt in der Gewissheit leben zu dürfen, dass es jemanden gibt, der sich seiner Probleme annehmen würde. Daher habe er immer versucht dies auch für andere abzubilden und somit ein Gefühl dafür bekommen, wie wichtig das eigentlich sei. Er habe sich gefragt, wie sich Menschen wohl fühlen müssten, die Angst davor hätten sich an jemanden zu wenden oder wenn es einfach niemanden gäbe, an den sie sich wenden könnten. Was würden diese Menschen dann tun? 

Das Problem ist nun, dass man in einem solchen Fall nicht besonders viel machen kann, außer vielleicht, seine Zeilen in ein Tagebuch zu schreiben. Denn irgendwie muss man sich ja mit seinen Problemen auseinandersetzen und ein erster möglicher Schritt hierzu wäre, sich diese von der Seele zu schreiben. Dies sei laut Daniel auch sicherlich hilfreich, jedoch nicht dasselbe, als könne man zu einem Freund oder Verwandten gehen, der bereit ist, einem zuzuhören und zu helfen versucht. 

Mit dieser Erkenntnis kam sodann die zündende Idee zum Vorschein: ,,Wäre es nicht cool, wenn es ein Tagebuch gäbe, das antworten könnte?“, fragt Daniel. 

Und genau hier wird die Brücke geschlagen, zwischen dem Sorgen-Tagebuch in seiner heutigen Form und den Menschen, die niemanden haben oder denen, die zwar jemanden hätten, jedoch nicht bereit sind, sich diesem anzuvertrauen.

,,Ich kann sehr gut verstehen, dass es oftmals viele Gründe gibt, etwas nicht auszusprechen. Etwaige Gewaltdelikte wären ein solches Beispiel und die Angst oder auch die Scham davor, mit einer solchen Thematik offen umzugehen,“ erklärt Daniel Kemen. Ebenso könne man sich auch ein Szenario vorstellen, in dem sich ein Hilfesuchender mit seiner Problematik an jemanden wendet, ohne jedoch ein positive Resonanz zu erfahren. Sich sodann ein weiteres Mal an jemand anderen zu wenden, sei dann umso schwerer. 

Leider ist es eine Tatsache, dass Menschen, ohne dies zu wollen, auf etwaige Thematiken oftmals falsch reagieren. Entweder sind wir irritiert oder dies geschieht einfach nur, weil uns die Problematik, die für den anderen schwerwiegend erscheint, für uns nicht verständlich ist. Für jemanden, der nicht speziell geschult ist, ist es fast unmöglich in einem ersten Moment der entsprechenden Situation richtig zu reagieren.

Aus diesem Grund wird seitens des Sorgen-Tagebuch e.V. ein enormer Aufwand betrieben. Alle ehrenamtlichen Helfer werden, bevor sie auch nur einen Tagebucheintrag zu sehen bekommen, professionell geschult, und zwar in jeglicher Hinsicht. Unter anderem gibt es psychologische, technische und organisatorische Betreuer, die die Ehrenamtlichen Helfer unterweisen und ihnen auch selbst bei auftretenden Problemen zur Seite stehen. 

Daniel Kemen erklärt dies sehr ausführlich: ,,Der Qualitätsanspruch steht bei uns an erster Stelle. Zum einen würde man mit einer inkorrekten Hilfestellung bei den Betroffenen weitaus größeren Schaden anrichten, als wenn man ihnen gar nicht helfen würde. Zum anderen müssen wir immer sicherstellen können, wenn unsere Ehrenamtlichen eine Frage oder ein Problem haben, wir auch dort weiterhelfen können. Darüber hinaus muss grundlegend der Kontakt im gesamten Team aufrecht erhalten werden, damit evtl. Schwierigkeiten und Problematiken schnellstmöglich gelöst werden können. 

All dies ist letztendlich nicht nur ein sehr hoher Zeitaufwand, sondern auch ein enormer Kostenfaktor, der ohne die Spendeneinnahmen nicht geleistet werden kann. Wir haben professionelle Ausbilder, machen Präsenzveranstaltungen, nutzen Räumlichkeiten und Transportmittel, die wir natürlich auch bezahlen müssen. Denn, nur weil Du etwas verschenkst, bedeutet das nicht auch, dass Dir andere etwas schenken. Und da das Sorgen-Tagebuch eben nicht auf wirtschaftliche Zwecke ausgerichtet ist, sind wir eben auf diese Spenden angewiesen.“

Bevor ich mich mit Daniel Kemen getroffen hatte, habe ich mich ausführlich über das Projekt informiert. Jedoch muss ich das Zugeständnis machen, dass ich erst durch unser Gespräch verstanden habe, wie komplex sich das Sorgen-Tagebuch überhaupt gestaltet. Das ursprüngliche Ziel, Menschen erreichen und ihnen Unterstützung anbieten zu können, wurde umgesetzt, und zwar in Form eines antwortenden Online-Tagebuchs. Jetzt gelte es, so vielen Menschen, wie möglich helfen zu können, ohne dabei die Qualität zu vernachlässigen. 

,,Unser Wunsch ist es,“ sagt Daniel, ,,dass wir in der Lage wären, jenen Menschen, die Hilfe suchen, diese anbieten zu können, und zwar in genau dem Moment, indem sie diese Hilfe benötigen. Ungefähr drei Viertel der Nutzer wollen ihre Einträge gerne beantwortet haben. 

Im Moment entspricht das ca. 38.000 Hilfesuchenden. Hinzu kommen noch ca. 7.000 Nutzer, die ihre Einträge gerne gelesen haben wollen. Eine Kapazität, die der Verein stemmen kann. Doch diese Kapazität wächst stetig an, denn die Nachfrage ist um ein Vielfaches höher. Im Augenblick kann es bis zu 48 Stunden dauern, bis ein Tagebucheintrag beantwortet ist und sollte die Anfrage Kapazität deutlich überschritten werden, macht das System die Registrierung zu. D. h. niemand kann sich dann in diesem Zeitraum anmelden. Und das hat einen guten Grund. Man stelle sich vor, als vielleicht letzte Alternative würde jemand den Mut fassen, das Tagebuch zu nutzen und wir würden vielleicht erst drei Wochen später darauf antworten können. Dies würde so viel mehr kaputt machen, als wir eigentlich vorhatten aufzubauen.“ 

Wie ernst es Daniel Kemen mit dieser Aussage ist, kann ich während unserer Unterhaltung deutlich vernehmen. Ich verstehe nun, dass dies auch mit ein Grund ist, warum er und die anderen Gründungsmitglieder trotz ihrer beruflichen Auslastung noch immer mit einem beispielhaften Engagement hinter dem Sorgen-Tagebuch stehen. 

Harry Bejol