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Horst Zahner und Harry Bejol

Horst Zahner und der Essenstreff

Im Rahmen meiner journalistischen Tätigkeit traf ich mich mit Horst Zahner im September 2021 zu einem Gespräch. Dieser Artikel erschien in der Ausgabe der FREIeBÜRGER Zeitung und wurde von Herrn Zahner ebenfalls für sein neues Buch verwendet, welches im Herbst 2021 erscheinen soll.

 

 

Fotografie: Freedom Photos Freiburg

„Ein Gebet ohne Tat ist wie Seife ohne Wasser“

Heute darf ich Ihnen einen Menschen vorstellen, der Ihnen vielleicht nicht ganz unbekannt sein wird: Horst Zahner, Vorstand und Gründer des Essenstreff e. V. in Freiburg. Auch wenn Sie bereits schon den einen oder anderen Artikel über ihn gelesen haben, so werden Sie hier vielleicht eine Seite meines Gesprächspartners kennenlernen, die Sie so noch nicht erlebt haben. Doch zunächst möchte ich gerne etwas näher auf den Essenstreff eingehen, denn dieser hat sein 25-jähriges Jubiläum erreicht. Seit es diese Institution gibt, können dort bedürftige Menschen ein vollwertiges Essen erhalten. Es gibt einen Hauptgang, Suppe und Dessert, Getränke, Kaffee und jeden Sonntag ein Sonntagsfrühstück. Allerdings sei der Essenstreff weit mehr als nur eine reine Essensversorgung; doch dazu kommen wir noch.

Natürlich hat auch hier die Coronapandemie ihre Spuren hinterlassen. Zunächst war nicht klar, ob die Lokalität anhand der damaligen Regelungen überhaupt ein Versorgungsangebot leisten könnte. Nachdem man jedoch das Platzangebot reduziert und die Tische mit Trennwänden umbaut hatte, konnte man den Betrieb aufrechterhalten und weiterhin Essen ausgeben. Immerhin wurde der Essenstreff dazu gegründet, Menschen, die sonst keine Möglichkeit auf eigene Verpflegung haben, ein regelmäßiges Essensangebot bereitzustellen. 

Verschlossene Türen waren somit keine Option für Horst Zahner und sein Team. Somit war und ist es auch weiterhin möglich, dass die Gäste hier unter der Woche von 11 bis 15 Uhr und sonntags von 8 bis 12 Uhr verköstigt werden können. In der Winterzeit, ab Dezember, gibt es zudem noch das Angebot einer Wärmestube. Wenn sodann das erste Team in den Feierabend geht, übernimmt ein zweites Team und bietet bis ca. 19 Uhr Kaffe, Kuchen und Vesper an. Im Schnitt seien es ca. 150 Essen, die pro Tag ausgegeben werden.

Mich interessiert natürlich, wie der augenscheinlich reibungslose Ablauf überhaupt funktioniert. „Ich mache das ja nicht alleine“, erklärt mir Herr Zahner, „wir haben ein ganz tolles Team und die machen das alle sehr gut. Ob das Essen selbst oder die Ansprache an die Menschen, die zu uns kommen. Auch staune ich über unsere Gäste, die gerade während der Pandemie sehr diszipliniert sind und geduldig draußen warten, bis sie an der Reihe sind.“

Angefangen habe alles im Vauban. In diesem Freiburger Stadtbezirk wurde damals der Essenstreff gegründet. Insgesamt sieben Jahre lang habe Horst Zahner die Essensausgabe dort über seine Firma mitfinanziert. Mit ca. 50-80 Essensausgaben pro Tag sei dies jedoch bald nicht mehr tragbar gewesen und man musste eine sogenannte Schutzgebühr von zwei Euro einführen. Seit dieser Zeit hat sich somit einiges verändert. Eine ordentliche Vereinssatzung wurde angefertigt, Öffentlichkeitsarbeit wurde geleistet, dem Verein wurde die Gemeinnützigkeit und insgesamt fünf Jahre später auch die Mildtätigkeit zugesprochen. 

Heute befindet sich der Essenstreff in der Wiehre und auf dem großem Schild über dem Eingang steht: „Komm herein, hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“. So und nicht anders sei das auch zu verstehen. Denn diese Lokalität stelle weit mehr dar als nur eine reine Essensversorgung. Jeder wäre hier willkommen und könne menschliche Wärme empfangen. Das versteht Horst Zahner als oberste Priorität. Wir unterhalten uns über ein paar besondere Begebenheiten der vergangenen Jahre, Schicksalsschläge und Lebensgeschichten von Menschen, die hier eingekehrt sind und ich verstehe, was er mit seiner Argumentation ausdrücken will. Im Essenstreff gehe es nicht nur darum, dass man hier etwas zu essen bekommt, sondern vielmehr, dass man zusammen mit anderen Menschen speisen könne. Soziale Kontakte könnten hier geknüpft und gestärkt werden. Zudem habe auch das Personal immer Zeit und ein offenes Ohr für die Anliegen ihrer Gäste. Eine dieser Lebensgeschichten berührte mich auf ganz besondere Weise. Horst Zahner erzählt mir von einer jungen Frau, die eines Tages auf ihn zugekommen sei und sich bedankt habe. 

Auf seine Frage hin, wofür sie sich denn bedanken würde, erzählte sie ihm von ihrem Werdegang. Bereits in jungen Jahren sei sie von Zuhause weggelaufen und somit auf der Straße gelandet. Es folgten der Schulabbruch, exzessiver Alkoholkonsum und letztendlich der totale Absturz. Durch einen Zufall habe sie dann vom Essenstreff erfahren und diesen seither regelmäßig aufgesucht. Bereits die Beständigkeit, regelmäßig ein warmes Essen erhalten zu können, habe ihr über die Jahre so viel Kraft gegeben, dass sie heute eine abgeschlossene Schulausbildung und den Weg zurück in ein geordnetes Leben nachweisen könne. Während unserer Unterhaltung höre ich das Wort Dankbarkeit relativ häufig. Natürlich komme ich nicht umhin, Herrn Zahner danach zu fragen, ob er denn auch Dankbarkeit erwarten würde. „Nein“, betont er ausdrücklich.

In der Tat würde er von den Gästen sehr häufig Dankbarkeit erfahren; sowohl in Worten als auch Gesten. Hingegen würde er eine tiefe Dankbarkeit darüber empfinden, wenn er sagen könne, heute habe alles gut funktioniert. Auch sei er selbst sehr dankbar dafür, wenn sich andere Menschen davon anstecken ließen, Mitverantwortung für ihre Mitmenschen zu übernehmen. Ich frage ihn, wie ich diese Aussage zu verstehen habe. Im Herbst diesen Jahres soll sein neues Buch erscheinen. Unter anderem ginge es darin um seine Erlebnisse in den 25 Jahren Essenstreff und auch um eine Thematik, mit der er sich in den vergangen Jahren sehr intensiv befasst habe: den Altruismus. „Mit 50 Jahren habe ich einen Schnitt in meinem Leben gemacht und betrachtet, was ich bisher geleistet habe“, erklärt mir Horst Zahner. „In mir kam dann die Frage auf, ob das jetzt alles gewesen ist. 

Es kann doch nicht sein, dass ich als Katholik regelmäßig in die Kirche gehe und mich für dieses gute Leben bedanke, mich selbst allerdings nicht um meinesgleichen kümmere. Dies war mit ein Grundgedanke für die Gründung des Essenstreff. Es verhält sich nämlich so, dass ein Gebet ohne die Tat nicht mehr ist wie die Seife ohne das Wasser.“ In diesem Moment erlebe ich meinen Gesprächspartner als sehr tiefgründig und in sich gehend. Natürlich bin ich neugierig und frage ihn danach, was hinter dieser Erkenntnis steckt. Er habe sich sehr intensiv mit der Religion und vor allem der Philosophie auseinandergesetzt, auch aus der buddhistischen Sichtweise heraus. Was ist Wahrheit, was ist Gott und warum. 

„Das für mich Entscheidende innerhalb aller Religionen“, fährt er fort, „ist die Selbstentfaltung. Wenn wir von Gott sprechen, dann sprechen wir von etwas, das in uns selbst ist und das können wir nutzen und in die Tat umsetzen. Wenn wir das in einer Form des Altruismus machen, dann können wir auch in die Kirche gehen und uns für dieses wundervolle Geschenk in uns bedanken.“ Über diese Aussage muss ich einen Moment nachdenken, denn aus meiner eigenen Erfahrung heraus weiß ich, dass es nur selten der Fall ist, dass Menschen eine tiefere Erkenntnis ohne eine entsprechende Begebenheit erlangen. Als wir uns weiter über dieses Thema unterhalten erfahre ich sodann von Horst Zahner, dass auch er eine solche Begebenheit erlebt hatte, und zwar vor ca. 30 Jahren. Eine Erfahrung, die sein Leben in jeder Hinsicht verändert habe. 

Sie hätte ihm gezeigt, dass der Mensch im Grunde als Licht oder wenn man so möchte als Energie zu verstehen sei. Die Hauptenergie in unserer Welt ist die Sonne. Nun könne man sich ihr öffnen oder verschließen. „Wenn ich Energie bekomme, dann kann ich danken”, sagt er und argumentiert weiter, „und wenn ich in einem Gebet so weit bin, dass ich danken kann, dann bin ich glücklich und somit auch meistens belastbarer, was wiederum dazu führt, dass ich mehr Erfolg habe. Dann habe ich Grund, noch mehr zu danken. 

Das ist mein Kreislauf des Lebens und ich bin sehr glücklich darüber, diesen für mich gefunden und verwirklicht zu haben.“ Missionieren wolle er damit niemanden. Dies sei sein ganz persönlicher Weg, auf dem der Mensch für ihn das höchste Gut darstellen würde. Wie heute mit dem Menschen umgegangen werde, könne man jeden Tag erleben. Dies mit einer anderen Geist-Sicht zu durchbrechen, wäre sein Weg und Ziel. So wie er, so habe jeder Mensch eine gewisse Mitverantwortung allen anderen Menschen gegenüber und exakt so sehe er auch seine Aufgabe im Essenstreff. Am Ende unserer Unterhaltung frage ich ihn, wie lange er diese Aufgabe noch begleiten möchte. Noch einmal wolle er sich als Vorstand aufstellen lassen, mit Hinblick auf einen Nachfolger. Diesen würde er dann während seines letzten Amtsjahrs in die Arbeit einführen und ihn auf alle Eventualitäten vorbereiten. Man müsse sensibel sein und innere Stärke besitzen. Wenn es um Menschen geht, dann ginge es auch immer um Schicksale, Emotionen und Leiden, aber auch um Freude und Zwischenmenschlichkeit.

Harry Bejol